Wirtschaftsfaktor Öl: Die Auswirkungen auf die deutsche Konjunktur sind umstritten


Die hohe Abhängigkeit vom Öl und von anderen fossilen Rohstoffen hat weitreichende Auswirkungen auf die Wirtschaftspolitik, die den gesetzlichen Rahmen der Wirtschaft vorgibt. Durch strategische Entscheidungen, wie die zur Energiewende, entsteht eine künstliche Verteuerung von fossilen Energieträgern, die Investitionen in regenerative Energien und die Entwicklung neuer Technologien .

Dieser wird durch zu hohe Ölpreise geradezu befeuert. Wir gehen anlässlich der jüngsten Produktionsdaten davon aus….

Von 150 auf 40 Dollar

 · Der Ölpreis sinkt, Sprit ist extrem günstig. Das freut Verbraucher, hilft der Wirtschaft. Doch die Risiken sind groß. Auch für designerscorner.pw: Frank Stocker.

Das Königreich muss wegen des niedrigen Ölpreises seine Ausgaben einschränken. Eine Rundreise zu Gewinnern und Verlierern der Ölschwemme. E s ist die wohl kurioseste Folge des Ölpreisrutsches: Während in Deutschland und vielen anderen Ländern die Benzinpreise an den Tankstellen auf Tiefstände fallen, wird der Sprit ausgerechnet im Reich der arabischen Ölscheichs plötzlich viel teurer. Bisher hielten die Saudis die heimischen Spritpreise mit hohen staatlichen Subventionen künstlich niedrig.

Doch angesichts rapide schwindender Einnahmen aus dem Ölexport kann sich das Land diesen Luxus nicht mehr leisten. Die Ölscheichs müssen plötzlich sparen. Es war damit so billig wie seit zwölf Jahren nicht mehr. Seit Beginn des Preisverfalls Mitte ist das Öl, das noch immer der wichtigste Treibstoff für die Weltwirtschaft ist, um rund 70 Prozent billiger geworden.

Einen solchen Preiskollaps hat es am Ölmarkt seit drei Jahrzehnten nicht mehr gegeben. Viele profitieren davon, aber das Billigöl bringt auch Risiken mit sich. Birol und andere Experten befürchten, dass mittelfristig die Ölpreise genauso rasant wieder steigen könnten. In Europa wirkt das günstiger gewordene Öl wie ein kleines Konjunkturprogramm.

Deutschland, das fast komplett von Importen abhängig ist, um seinen Ölbedarf zu decken, könnte beispielsweise rund 9 Milliarden Euro sparen, wenn der Ölpreis im Jahresdurchschnitt 40 Dollar betragen sollte - statt 54 Dollar wie im vergangenen Jahr -, rechnet Simon Junker vom Deutschen Institut für Weltwirtschaft vor.

Davon profitieren zunächst die Unternehmen, die Erdöl und Ölprodukte einkaufen. Ihre Gewinnmargen steigen, wenn die Importe billiger werden. Sie haben dann mehr Spielraum für Investitionen. Ein Teil der Kostenersparnis wird an die Verbraucher weitergegeben, die etwa für Benzin und Diesel an der Tankstelle oder Heizöl deutlich weniger zahlen müssen. Den Bürgern bleibt mehr Geld übrig, das sie für andere Konsumwünsche ausgeben können.

Diese zusätzliche Nachfrage sollte die Konjunktur deutlich stärken. In Japan kam es am Donnerstag zu sehr starken kurzfristigen Bewegungen von Devisenkursen. Wohnhochhäuser sind keine Notwendigkeit, sondern ein Lifestyle-Produkt. Der technische Analyst Heribert Müller macht wieder einmal eine gewagte Prognose: Er sieht den Euro im Abwärtstrend — entgegen der Mehrheitsmeinung vieler Banken. Für Saudi-Arabien läuft es am Markt nach Plan. Trotz verschiedener Gerüchte verzichtet die Opec auf eine Drosselung der Ölförderung.

Der Preis bleibt deshalb weiter niedrig. Vor allem Saudi-Arabien hatte eine Verknappung des Angebots verhindert. Zwar leidet auch der Wüstenstaat unter den niedrigen Preisen, das Haushaltsdefizit liegt derzeit bei rund 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Pleitegehen kann es so schnell nicht. Wenn aber irgendwann alle Konkurrenten aufgegeben haben, dann steht Saudi-Arabien stärker und mächtiger da denn je — ein Staat, der aufgrund seiner menschenverachtenden und brutalen Interpretation des Islam inzwischen von vielen als Wiege und Ursprung der islamistischen Bedrohung auf der Welt angesehen wird.

Bald kann das Land die fossilen Brennstoffe sogar exportieren. Dafür braucht es aber erstmal neue Infrastruktur.

Umweltminister aus der ganzen Welt kamen gerade erst in Paris zusammen, um den Kampf gegen den Klimawandel aufzunehmen und die Verbrennung fossiler Energierohstoffe einzudämmen. Doch der sinkende Ölpreis konterkariert all diese Anstrengungen. Die Zahl der verkauften Kessel für Ölheizungen beispielsweise ist dem Bundesverband der Deutschen Heizungsindustrie zufolge in diesem Jahr um fast ein Drittel gestiegen, wenn auch von niedrigem Niveau. Zugleich werden derzeit in den USA so viele Neuwagen verkauft wie selten zuvor, ganz an der Spitze stehen die mächtigen Geländewagen, die besonders viel Sprit brauchen.

Solche SUVs sind auch weltweit ein Kassenschlager. Allein Mercedes-Benz erhöhte den Absatz solcher Wagen bis November gegenüber dem Vorjahr um mehr als ein Viertel, bei anderen Produzenten sah es ähnlich aus. Zu jenen, die leiden, wenn der Ölpreis niedrig ist, zählen die Hersteller innovativer Heizsysteme.

Investitionen in erneuerbare Energien und zur Effizienzsteigerung lohnen sich vielfach nicht mehr. Für Firmen, die neue Technologien erforschen und nutzbar machen wollen, wird es schwieriger, an Kapital zu kommen. Der technologische Fortschritt bei der Energieerzeugung wird durch das billige Öl behindert.

Der sinkende Ölpreis drückt auf die Inflationsrate. Schon jetzt liegen die Preise in der Eurozone gerade mal 0,1 Prozent höher als im Vorjahr.

Setzt sich dieser Prozess fort und gerät die Wirtschaft in die Deflation, birgt das Gefahren. Autofahrer in Deutschland tanken zurzeit so gerne wie lange nicht mehr, dank dem niedrigen Ölpreis. Und auch die Heizölkosten sind im Keller. Der Winter kann also kommen. Denn dann steigen automatisch die Staatsschulden im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung.

Das soll den Euro schwächen und so eine Inflation importieren. Dreht sich die Deflationsspirale wegen der niedrigen Energiepreise jedoch weiter, könnte die EZB versucht sein, noch mehr Geld zu drucken — mit all den langfristigen Folgen, die dies für die Volkswirtschaft haben kann, von Immobilienblasen über Fehlinvestitionen von Unternehmen bis zu Kreditexzessen bei den Verbrauchern.